Vom Geknipse zum künstlerischen Ausdruck

Fotografie mit Leidenschaft…

… so heißt das neueste Buch von Dr. Martina Mettner. Darin geht es, kurz gesagt, um die künstlerische Fotografie, um Fotografieren mit künstlerischem Anspruch. Was vorerst nur für angehende Kunstfotografen interessant erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinschauen auch für Berufsfotografen hilfreich.

Denn – so Mettner – die künstlerischen Fotografen von heute sind auch die Magazin- und Modefotografen von heute. Stilmittel, die bis vor kurzem den Fotokünstlern vorbehalten waren, finden nämlich immer öfter ihren Eingang in Werbekampagnen, Magazin-Fotostrecken etc. In diesem Blogbeitrag möchte ich euch eine Rezension des, wie ich finde, sehr gelungenen und überaus hilfreichen Werkes von Martina Mettner näher bringen.

Buchcover "Fotografie mit Leidenschaft"
Buchcover verlinkt von der Website www.fotofeinkost.de

Voraussetzungen: Sie interessieren sich für Fotografie

“Die meisten Fotografen interessieren sich nicht für Fotografie.” Das war die Essenz eines Telefongesprächs, das ich kürzlich mit Rupert Larl, Inhaber der Galerie Fotoforum West in Innsbruck, geführt habe. Sie interessieren sich sehr wohl für Fototechnik, die neusten Apparate, Blitzgeräte etc., nicht jedoch für fotografische Stilgeschichte. Das führt dazu, dass sich die Motive verschiedener Fotografen sehr oft ähneln. In der Berufsfotografie führt es zudem dazu, dass die Fotografen austauschbar werden.

Nicht austauschbar, so Mettner, sind hingegen die individuelle Sichtweise und der persönliche Ausdruck von Fotografen. Viele fangen jedoch bei Null an, ohne zu wissen, was vor ihnen schon in der Fotografie geleistet wurde, was aktuelle Strömungen sind etc. Ihr Buch bietet einen Wegweiser durch den Dschungel der Fotografie. Es bietet keine komplette Stilgeschichte (dafür gibt es andere Werke), man lernt jedoch stilbildende Fotografen der Vergangenheit und auch die Stars von heute kennen.

Der Inhalt

“Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” – wer kennt diese Satz nicht?! Wohltuend für mich räumt Mettner mit diesem Mythos gleich zu Beginn ihres Buches auf. Zudem stellt sie hier drei Fotografen vor, die sich alle mit Amerika beschäftigt haben, dies jedoch auf komplett unterschiedliche Art und Weise. Es geht um – erraten? – Henri Cartier-Bresson, Walker Evans und Robert Frank, ergänzt um einen kurzen Ausflug zum ikonenhaften Bild “Migrant Mother” von Dorothea Lange.

Im weiteren Verlauf des Buches lernen wir andere Fotografen und ihre Arbeitsweise kennen, u.a. Bernd und Hilla Becher, Eugene Atget, Heinrich Riebesehl und William Eggleston. Die Kapitel über sie sind mit Auszügen ihrer Arbeit garniert, allerdings eher sparsam. Wer mehr wissen möchte, sollte sich also die entsprechenden Bildbände besorgen oder die Internet-Suche bemühen. Ungefähr am Ende des ersten Drittels des Buches zieht Mettner eine erste Zwischenbilanz, wie man sich künstlerischen Prjekten nähern kann:

  • zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein
  • Motivgruppen und Sujets eingrenzen
  • konzeptionell mithilfe einer detaillierten Recherche arbeiten

Die großen Porträtisten

Landschaften und Porträts dürften wohl auch heute noch zu den beliebtesten fotografischen Motiven gehören. Doch warum gelten die relativ schmucklosen, eher dokumentarischen Fotos von August Sander und Richard Avedon als Kunst? Und warum sind es die Fotos mit aufwändig geschminkten Models beim Fotografen um die Ecke nicht? Und welche Rollte spielt die Fototechnik in diesem Genre? All diese Fragen beantwortet Mettner ausführlich und mit großer Sachkenntnis. Zudem stellt sie auch moderne Fotoprojekte vor, die sich mit Porträts beschäftigen.

Ein Buch über künstlerische Fotografie wäre unvollständig ohne ein Kapitel über den Kunstbetrieb an sich. Hier geht es um die Fragen, was Kunst eigentlich ist und wer diese kauft.

Plädoyer für freie Projekte

Wer Martina Mettners andere Bücher kennt, weiß, dass sie ein großer Verfechte von freien Fotoprojekten ist. Diesem Credo bleibt sie auch in ihrem aktuellen Buch treu. Und sie erklärt, warum auch kommerziell arbeitende Fotografen solche Projekte für ihr Selbstmarketing einsetzen sollten. Ein Kapitel trägt die schöne Überschrift “Fotografie spiegelt die Haltung zum Leben” – ich finde, das drückt bestens aus, was Fotografie im Optimalfall sein kann.

Mein Resümee: Wer sich nur ein bisschen für Fotografie interessiert und bereit ist, sich intellektuell auf dieses spannende Medium einzulassen, ist mit dem Buch von Martina Mettner optimal bedient. Es ist sozusagen ein Startpunkt dafür, andere Fotografen und ihre Arbeit zu studieren und hilft im besten Fall, den eigenen Stil einzugrenzen und zu finden.

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